

Der erste Arbeitsvertrag von Wolfgang Schmitz trug noch den Titel „Dienstvertrag zur Aushilfe“. In der Tat startete Schmitz am 2. Januar 1987 als Rechtsreferendar in Teilzeit. Das sollte sich aber schnell ändern: vom Assessor bis zum Hauptgeschäftsführer dauerte es nur wenige Jahre. 2001 löste Wolfgang Schmitz Hans Hermann Westedt an der Spitze des Unternehmerverbandes ab. 25 Jahre später ist aus dem einstigen Regionalverband eine Gruppe mit sieben Einzelverbänden geworden, die bundesweit über 700 Mitglieder mit mehr als 100.000 Beschäftigten zählt.


[uv]magazin: Herr Schmitz, 25 Jahre Hauptgeschäftsführer, insgesamt fast 40 Jahre im Unternehmerverband – wenn Sie heute zurückblicken: Was macht Sie besonders stolz?
Wolfgang Schmitz: Dass wir Chancen erkannt und ergriffen haben! Dazu gehörte oftmals eine ordentliche Portion Mut. Welt und Wirtschaft waren schon immer in Bewegung, da darf man als Verband niemals stehenbleiben. Besonders wichtig war mir immer, dass wir uns nicht auf eine Branche beschränken, auch wenn die Metall- und Elektroindustrie nach wie vor unsere Ankerbranche ist. Dass wir heute mit sieben Einzelverbänden unterschiedliche Wirtschaftszweige beraten und vertreten – von Industrie und Dienstleistung bis zur Sozialwirtschaft – zeigt, dass wir uns strategisch breiter aufgestellt haben. Dieses Wachstum hat dafür gesorgt, dass wir heute sehr gesund dastehen und für die neuen Herausforderung gut gewappnet sind.
Also ein entspannter Start für Sie, Herr Kleff?
Christian Kleff: Entspannt trifft es nicht. Aber der Verband hat den großen Vorteil, die vor uns liegenden Herausforderungen aus einer Position der Stärke angehen zu können. Das ist das Werk von Wolfgang Schmitz und dafür gebührt ihm größte Anerkennung. Wolfgang hat den Verband über Jahrzehnte mit entschlossener Hand geführt und immer darauf geachtet, wirtschaftlich solide zu arbeiten. Diese Stabilität erleichtert den Start ungemein. Entspannen dürfen wir uns aber nicht, denn unsere Arbeit verändert sich rasant. KI, Digitalisierung, Transformation der Wirtschaft und damit unserer Mitglieder, Fachkräftemangel – das sind nur einige der Herausforderungen in einer immer schnelleren und komplexeren Welt. Unsere Aufgabe ist es, uns so aufzustellen, dass wir unsere Mitglieder bestmöglich unterstützen und entlasten. Dass wir ihre Interessen gegenüber Politik, Verwaltung, Sozialpartnern und Öffentlichkeit vertreten. Wir wollen weiter Partner auf Augenhöhe mit einer klaren Haltung sein. Dafür müssen wir denselben Weg wie die Unternehmen gehen und mutig in die Zukunft investieren.
Welche strategischen Entscheidungen waren aus Ihrer Sicht besonders prägend für den Verband, Herr Schmitz?
Schmitz: Ganz klar die Entscheidung, uns stärker zu diversifizieren. Bereits Mitte der 1990er-Jahre haben wir den Unternehmerverband Industrieservice gegründet und für die damals tarifpolitisch zersplitterte Branche einen belastbaren Flächentarifvertrag verhandelt. Das hat unsere Mitgliederbasis deutlich gestärkt. Gleiches ist uns mit dem Unternehmerverband Soziale Dienste und Bildung gelungen. Als wir dort stärker eingestiegen sind, war vielen noch nicht bewusst, wie dynamisch sich die Sozialwirtschaft entwickeln würde. Heute sehen wir, dass dieser Bereich stark wächst und enorme Bedeutung hat. Regional sind wir mit dem Unternehmerverband Mülheimer Wirtschaft, #WirtschaftfürDuisburg und starken Netzwerken in unserem Verbandsgebiet, etwa in Bocholt, bestens aufgestellt und übernehmen Verantwortung für diese Wirtschaftsstandorte. Gleichzeitig haben wir die industrielle Basis nie aus den Augen verloren. Gerade diese Mischung macht unsere Verbandsgruppe heute besonders.
Herr Kleff, die Sozialwirtschaft ist inzwischen ein wichtiger Teil der Verbandsgruppe. Welche Rolle spielt sie künftig?
Kleff: Eine sehr große. Die Sozialwirtschaft steht vor enormen Herausforderungen – Fachkräftemangel, steigende Kosten, fehlende Refinanzierung, hohe regulatorische Anforderungen. Gleichzeitig ist sie ein zentraler Pfeiler unserer Gesellschaft und hält der klassischen Wirtschaft den Rücken frei. Deshalb brauchen auch soziale Unternehmen starke Arbeitgeberstrukturen. Ein spannendes Beispiel ist unser Dienstgeberverband Diakonische Altenhilfe Hessen, kurz DV.DAH. Gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di einigte sich der DV.DAH im Jahr 2022 auf ein Tarifwerk, das erstmalig branchengerecht und gleichzeitig kirchengemäß ist, außerdem schlank, flexibel und attraktiv. Innovative Tarifverträge sind aus unserer Sicht keineswegs ein Widerspruch zu unternehmerischem Handeln. Im Gegenteil: Sie können helfen, Arbeitgeber attraktiver zu machen und Fachkräfte zu gewinnen. Solche Modelle zeigen, wie wichtig es ist, Branchenlösungen zu entwickeln.
Gibt es denn auch Querverbindungen zwischen den Verbänden der Gruppe?
Kleff: Selbstverständlich! Beispiel Duisburg: Der Strukturwandel hat die Stadt nach wie vor fest im Griff. Die Stahlindustrie baut weiter Stellen ab – hier haben wir in der Gruppe überlegt, wie wir diese Transformation begleiten oder vielleicht sogar ein bisschen lindern können. Der Unternehmerverband Soziale Dienste und Bildung ist gemeinsam mit #WirtschaftfürDuisburg auf Politik und Verwaltung zugegangen. Unser Ansatz: Die Industrie baut Stellen ab. Die Sozialwirtschaft sucht händeringend Fachkräfte. Warum nicht insbesondere jungen Menschen einen Wechsel schmackhaft machen? Und siehe da, die anfängliche Skepsis ist gewichen. Unser Angebot passt gar nicht so schlecht in erste Überlegungen der Verwaltung. Hilfreich ist es natürlich, dass in der Sozialwirtschaft mittlerweile richtig gute Gehälter gezahlt werden. Das hat einige überrascht. Jetzt schauen wir gemeinsam, wie wir unser Angebot dauerhaft verankern können.


Der Unternehmerverband versteht sich als Partner der Unternehmen in allen Fragen des Arbeits- und Tarifrechts sowie der Arbeitswirtschaft. Wie hat sich diese Arbeit verändert?
Schmitz: Die Grundidee ist geblieben: Wir entlasten unsere Mitglieder, damit sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Aber die Komplexität ist enorm gestiegen. Arbeitsrechtliche Fragen werden immer anspruchsvoller, und viele Unternehmen erwarten schnelle, praxisnahe Lösungen. Deshalb war es uns immer wichtig, ein starkes Team aufzubauen – Juristen, Arbeitswissenschaftler und viele weitere Kolleginnen und Kollegen.
Kleff: Genau das ist der entscheidende Punkt. Unsere Mitarbeitenden sind die wichtigste Säule der Verbandsgruppe. Im HAUS DER UNTERNEHMER arbeiten knapp 50 Menschen mit großer Expertise im Verband und in unserer GmbH, die alle einen klasse Job machen. Ich setze voll auf das Team: auf Teamwork, auf Eigenverantwortung, auf Entscheidungsfreiheit. Die Währung dabei ist Vertrauen. Wie wir uns hier Schritt für Schritt weiterentwickeln werden, darauf bin ich sehr gespannt und freue mich gleichzeitig auf den gemeinsamen Weg. Gleichzeitig verändert sich die Arbeit rasant – besonders durch KI. Weiterbildung wird entsprechend noch einmal wichtiger werden.


Stichwort Technologie: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für die Arbeit eines Arbeitgeberverbandes?
Kleff: KI verändert die Art, wie wir arbeiten, von Grund auf. Gerade im juristischen Bereich entstehen derzeit enorme Möglichkeiten. KI kann beispielsweise bei der Recherche, bei der Analyse von Urteilen, bei der Prüfung von Verträgen oder der Erstellung von Schriftsätzen unterstützen. Das bedeutet aber nicht, dass Juristen überflüssig werden – im Gegenteil. Ihre Rolle verändert sich. Der klassische Verbandsjurist wird weniger Zeit mit Routinearbeit verbringen und stärker strategischer Berater für Unternehmen sein. Wir testen schon seit einiger Zeit verschiedene KI-Tools und werden auf kurze Sicht eine speziell auf das Arbeitsrecht ausgerichtete KI-Lösung einführen. Bei dieser einen wird es aber sicher nicht bleiben, dafür entwickelt sich Rechts-KI zu dynamisch. Wir werden all das nutzen, was unseren Mitgliedern nützt und wirtschaftlich vertretbar ist.
Herr Schmitz, wie blicken Sie auf den zukünftigen Kurs des Verbandes?
Schmitz: Christian ist hier auf dem richtigen Kurs. Und das nicht erst seit dem 1. April. Er hat schon in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass der Verband sich technologisch zeitgemäß aufstellt. Er hat in der Corona-Zeit unsere IT-Strategie entwickelt und ein CRM-System eingeführt, das gleichzeitig die elektronische Aktenführung für unsere juristische Abteilung ermöglich hat. Er geht einen konsequenten Weg, den ich immer unterstützt habe. Jede Generation hat ihre eigenen Aufgaben. Für mich war es wichtig, den Verband wirtschaftlich stabil zu entwickeln. Jetzt geht es darum, ihn technologisch und organisatorisch auf die Zukunft auszurichten. Entscheidend ist dabei immer, dass wir unseren Mitgliedern echten Mehrwert bieten.
Stichwort Mitglieder: Hier zu wachsen ist eines Ihrer Ziele. Wie wollen Sie das erreichen?
Kleff: Indem wir zeigen, welchen konkreten Nutzen eine Mitgliedschaft hat. Kernsäule ist und bleibt die arbeitsrechtliche Beratung und Vertretung! Wir haben in den vergangenen Jahren viel in IT- und Marketingprojekte investiert, um den Verband moderner und unsere Leistungen sichtbarer zu machen. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Dienstleistungen weiter – etwa im Seminarbereich, der im [uv]campus gebündelt ist. Letztlich gilt: Wenn wir die Bedürfnisse der Unternehmen konsequent in den Mittelpunkt stellen, werden wir als Partner interessant sein und bleiben.
Als gelernter Journalist und Politikwissenschaftler bringen Sie nicht den klassischen beruflichen Hintergrund eines Hauptgeschäftsführers mit – nach wie vor dominieren hier Juristinnen und Juristen, gerade auch bei Arbeitgeberverbänden. Ist das ein Nachteil?
Kleff: Nein. Weil ich ein exzellentes Team im Rücken habe! Ich werde sehr, sehr eng mit meinem Stellvertreter Martin Jonetzko zusammenarbeiten, der den Verband aus dem Effeff kennt, der umfassende arbeitsrechtliche und Tariferfahrung hat und der unser juristisches Team leitet. In meinen sieben Jahren beim Verband habe ich zudem das ein oder andere mitbekommen (lacht). Ich sehe meine Aufgaben ganz klar im Verbandsmanagement, der strategischen Weiterentwicklung, der politischen Interessenvertretung und der Repräsentation nach außen. Und natürlich werde ich immer und überall Ansprechpartner für unsere Mitglieder sein!
Es gibt auch keine Berührungsängste zu unseren Schwesterverbänden oder Dachverbänden in NRW. Ganz im Gegenteil bin ich hier auf verschiedenen Ebenen bereits involviert und im intensiven Austausch. Meine Geschäftsführerkolleginnen und -kollegen stehen vor denselben Herausforderungen. Kirchturmdenken ist nicht meins. Das wird eine spannende Zusammenarbeit.
Schmitz: Christian ist auch nicht der erste Journalist als Hauptgeschäftsführer. Mein Vor-vor-Vorgänger Karlheinz Schmeer hat den Verband von 1961 bis 1985 sehr erfolgreich geführt. Auch er war gelernter Journalist.
Zum Abschluss eine persönliche Frage an Sie beide: Was wünschen Sie sich für den Unternehmerverband in zehn Jahren?
Schmitz: Dass der Verband weiterhin als verlässlicher Partner der Unternehmer wahrgenommen wird – solide, wirtschaftlich und mit klarem Wertekompass.
Kleff: Und dass wir gleichzeitig als moderne Plattform für arbeitsrechtliche Beratung und Vertretung, für Tarifrecht und Arbeitswirtschaft gelten: ein Netzwerk, das Wissen teilt, Innovation ermöglicht und Unternehmen hilft, ihre Zukunft aktiv zu gestalten. In einem HAUS DER UNTERNEHMER, das mehr denn je als Mittelpunkt für dieses Netzwerk fungieren soll. Wenn unsere Mitglieder sagen: „Der Unternehmerverband nimmt uns Arbeit ab und bringt uns voran“, dann haben wir unseren Auftrag erfüllt.

